8. Ehepost

Ankerpunkte im Leben – Rituale

Trag diesen Ring als Zeichen unserer Liebe und Treue: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Vermählungsworte

Wenn sich zwei Menschen gemeinsam auf den Weg machen, treffen Welten aufeinander. Beide bringen aus ihren Familien einen großen Erfahrungsschatz an Ritualen mit. Manches davon haben sie vielleicht in ihrer Ursprungsfamilie als negativ empfunden und wollen darauf verzichten, anderes ganz bewusst erhalten oder im alltäglichen Zusammenleben neu miteinander gestalten. Was davon auf Dauer Teil ihres Lebens wird, entscheidet sich im Praxistest.

Rituale haben eine lange Tradition. Manche sind so alt wie die Menschheit selbst. Sie finden sich in allen Kulturen: sei es die Begrüßung eines neuen Erdenbürgers, die Vermählung von zwei Menschen, die Initiationsriten beim Eintritt ins Erwachsenenalter.

Rituale prägen unser Leben. Einmal eingeübt sind sie wie ein Taktgeber. Sie begleiten uns durch unsere Tage und geben uns Orientierung und Stärke. Durch ihren unverwechselbaren, immer wiederkehrenden Charakter schaffen sie Sicherheit und Vertrautheit und helfen uns, schwierige, auch existenzielle Situationen zu bewältigen.

Das Wunderbare an Ritualen ist, dass es sie in jeder Größe und Ausprägung gibt, von S bis XXL. Da gibt es den morgendlichen Begrüßungskuss, der mir zeigt, dass ich für jemanden wichtig bin; das Zubettgehritual, das mich vertrauensvoll einlullt; das Kreuzzeichen auf der Stirn, zur Erinnerung an die eigene Taufe und als Bitte um Schutz für den Tag. Ja und dann die großen christlichen Rituale wie Taufe, Firmung und die Trauung, die unser Leben in einen übergeordneten großen Zusammenhang stellen.

Manchmal fällt die Bedeutung von Ritualen erst auf, wenn sie fehlen: Wenn keine Zeit bleibt für die übliche Verabschiedungszeremonie oder das Zubettgehritual, weil der Partner oder die Partnerin noch nicht daheim ist. Dann entsteht eine Lücke, die nicht so ohne weiteres gefüllt werden kann – und ein Gefühl von Traurigkeit gewinnt an Raum.

Rituale sind kostbare Augenblicke, die wie Leuchttürme aus dem Alltag und der üblichen Routine herausragen. Paare, die schon lange zusammenleben, berichten gelegentlich über ihre Erfahrungen: Da ist der Moment, wenn er ihr am Morgen Kaffee ans Bett bringt und beide sich einige Minuten Zeit nehmen, sich ihrer Liebe zu versichern und den Tag gemeinsam zu starten.

Oder auch der regelmäßig fest im Kalender eingeplante Abend, der ihnen als Paar Luft gibt, jenseits aller familiären Verpflichtungen etwas nur für ihre Beziehung zu tun – notfalls mit der Unterstützung eines Babysitters. Oder der gemeinsame Besuch des Gottesdienstes, um auf die zurückliegende Woche zu schauen und gemeinsam die Unterstützung für die kommende Woche zu erbitten. Oder der gemeinsame Oasentag ohne Handy und Telefon.

Auch auf die Distanz sind Rituale hilfreich. Die kurze Email oder SMS, die sagt Du bist mir wichtig, die rasche Info über eine sichere Ankunft, das Teilhaben lassen an den Erfahrungen aus der Ferne und auch das Sorgentelefon, wenn etwas nicht so läuft wie geplant.

Natürlich gibt es auch Rituale, die sie oder er alleine pflegt, um sich anschließend wieder gestärkt den Herausforderungen des Alltags stellen zu können. Das kann die Bettlektüre vor dem Einschlafen sein, die Meditation am frühen Morgen oder auch der tägliche Gang durch den Garten.

Wenn sich im Laufe der Zeit dann zeigt, dass bestimmte Rituale sich überholt haben oder ihr tieferer Sinn verloren gegangen ist, eröffnet sich die Chance, neue Rituale zu installieren. Man muss sich nur trauen!

Ein Ritual sollte aber nicht aus dem Blick geraten, das Ritual der Versöhnung. Dabei kommt es nicht auf große Worte oder Gesten an. Ein altes Ehepaar hat das einmal so beschrieben: Wir haben uns stets darum bemüht, bei allen Problemen und Zwistigkeiten, den Tag mit einem Gute-Nacht-Kuss zu beschließen, um so am nächsten Morgen neu starten zu können.

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. (Franz Kafka)

Mit der Zeit wird Vieles zur Routine. Durchbrecht sie zum Beispiel mit

einer Beziehungs-Wünsche-Box, die ihr beide mit  Notizen, Wünschen und Ideen füllen könnt, um sie dann regelmäßig gemeinsam zu öffnen und zu schauen, was sich angesammelt hat. Vielleicht bestätigen die Zettel Bisheriges, vielleicht zeigen sie neue Wege auf, die ihr gemeinsam beschreiten könnt.

Wenn es darauf ankommt, fällt einem manchmal dann aber einfach nichts ein. Lasst euch deshalb auch von anderen Paaren und deren Ritualen inspirieren. Vielleicht ist etwas für euch dabei, das ihr gerne auf seine Brauchbarkeit für eure Beziehung testen wollt.

Hier einige Angebote von Paaren wie du und ich:

  1. Wenn am Tag für einen von uns beiden eine große Herausforderung ansteht, stellen wir eine Kerze am Frühstückstisch auf.
  2. Um uns bei einem heftigen Streit nicht hoffnungslos zu verstricken, haben wir das Stichwort Auszeit vereinbart. Wenn eine oder einer von uns sie beantragt, trennen wir uns und treffen uns erst zur nächsten Mahlzeit wieder. Dann entscheiden wir, ob und wann wir unseren Streit fortsetzen wollen.
  3. Bevor er oder sie das Haus verlässt, verabschieden wir uns mit dem Kreuzzeichen auf der Stirn.
  4. Fotos, Eintrittskarten, Einladungen und andere Andenken sammeln wir das Jahr über in einer Kiste. Zu Silvester stellen wir daraus ein Jahresalbum zusammen.
  5. Jeweils zum Geburtstag des oder der anderen schreiben wir einander Liebesbriefe. Darin teilen wir uns mit, warum unsere Beziehung uns wertvoll ist, worüber wir uns in der Zeit vorher besonders gefreut und geärgert haben, wonach wir uns sehnen, was wir vermissen und wie wir uns die Zukunft unserer Ehe erträumen.
  6. Ein Abend in der Woche ist für uns und unsere Lieblingsserie reserviert. Und wehe, einer von uns hat die nächste Folge schon alleine gesehen.
  7. Ein Wochenende im Jahr reservieren wir nur für uns. Um die Kinder kümmern sich dann Freitag bis Sonntagabend die (Schwieger-)Eltern, und wir machen einen Städtetrip. Dabei nehmen wir uns bewusst viel Zeit zum Reden und für Zärtlichkeit.

Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.
Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt.

Selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt.
Selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt.

Selig seid ihr, wenn ihr Leiden merkt.
Selig seid ihr, wenn ihr ehrlich bleibt.

Selig seid ihr, wenn ihr Frieden macht.
Selig seid ihr, wenn ihr Unrecht spürt.

Friedrich Karl Barth, Peter Horst